Feb 09
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Ein Interview mit Crowdinvestor Jörg Diehl 

1. Wie bist Du dazu gekommen in Crowdfunding Projekte zu investieren?

Ich bin 2012 ganz zufällig dazu gekommen, als eine WISO Sendung im ZDF über die Bloomy Days Kampagne bei Seedmatch berichtet hat. Ich habe mir das dann im Internet angeschaut, das Konzept hat mir gefallen und dann habe ich angefangen bei Seedmatch Minimalbeträge zu investieren.

2. Engagierst Du Dich als Investor auch abseits von Crowdfunding? Wenn ja, wie und warum?

• Ja. Ich investiere seit ca. 16 Jahren in Aktien, Fonds, Optionen, etc. habe hier mein Engagement aber im Moment ziemlich stark verringert. Außerdem habe ich mich inzwischen bei einigen Projekten schon direkt beteiligt.

• Ich bin als Kommanditist bei einem Unternehmen investiert, welches Solarpanele in Container einbaut und damit in ländlichen Gebieten von Afrika ohne Anbindung ans Stromnetz eine umweltfreundliche Alternative bietet, diese mit Strom zu versorgen.

• Bei aescuvest GmbH bin ich als Gesellschafter eingestiegen und arbeite hier auch aktiv mit. Aescuvest ist eine Crowdinvesting Plattform, die sich auf Innovationen aus dem Bereich Medizin und Gesundheit spezialisiert hat. Im Crowdinvesting habe ich inzwischen umfangreiche Erfahrungen als ein aktiver Investor gemacht und bin bei ca. 60 Projekten beteiligt und in der gesamten Branche sehr gut vernetzt. Daher macht mir die Arbeit bei der Plattform sehr viel Spaß und ich bringe meine persönlichen Kenntnisse und Erfahrungen sehr gerne ein.

3. Was waren Deine Lieblingsprojekte?

Da gibt es ganz unterschiedliche Projekte, wo sich zum Teil auch schon ein freundschaftliches Verhältnis zu den Gründern entwickelt hat. Im Crowdinvesting wären da zum Beispiel Rankseller (heute Seeding Alliance), Protonet, Cashboard, smartview360, u.a. Bei meinen anderen Investments ist mein absolutes Lieblingsprojekt im Moment natürlich aescuvest! Es fasziniert mich, mit innovativen Gründern am Tisch zu sitzen und über deren Geschäftsmodelle zu diskutieren. Besonders im Bereich Medizin und Gesundheit gibt es jede Menge tolle Projekte, die zum einen
den Menschen helfen, zum anderen große Gewinne für Investoren abwerfen können, wenn sie erfolgreich arbeiten. Ein sehr spannendes Feld. Natürlich bin ich auch begeistert vom Projekt „mobile Solarkraftwerke für Afrika" – hier geht es mir weniger um die Rendite, als darum, den Menschen vor Ort etwas Gutes zu tun, wobei man hier auf gleicher Ebene miteinander arbeitet – es geht also nicht um reine Almosen, man gibt ihnen etwas, womit sie unabhängig, dezentral Strom erzeugen können. Für mich als Investor fällt dabei noch eine ordentliche Rendite ab und das Projekt hat ein sehr großes Skalierungspotential.

4. Nach welchen Kriterien bestimmst Du Dein Engagement?

Da gibt es verschiedene Faktoren: 
• Das Geschäftsmodell muss mich ansprechen und es muss mir einleuchten, dass man damit Geld verdienen kann.
• Kompetentes Team, hier sollten die Bereiche Marketing/Vertrieb, Controlling/Finanzen und Operations von kompetenten Gründern besetzt sein.
• Persönlicher Eindruck vom Team. Die Gründer müssen einfach für ihr Unternehmen brennen. Außerdem versuche ich mir einen Eindruck zu machen, ob die Gründer wirklich wissen, wovon sie reden und was sie tun.
• Bauchgefühl! Am Ende wohl oft der entscheidende Faktor!

5. Anhand von welchen Kriterien bestimmst Du Dein Risiko?

In der Regel stelle ich mir vier Fragen:
• In welcher Phase befindet sich das Unternehmen?
• Werden schon erste Umsätze gemacht?
• Hat man etwa bereits den Break-even erreicht und erwirtschaftet schon Gewinne?
• Wie sieht die Wettbewerbssituation am Markt aus?
Sind bereits andere Geldgeber vorhanden, zum Beispiel Business Angels, VCs, etc. ist das Projekt für mich schon ansprechender. Ich bin ein großer Fan von Co-Finanzierungen, weil dann die Risiken auf verschiedene
Schultern verteilt werden. Wenn ein BA oder VC an Board sind, sagt es mir auch, dass schon jemand eine ausführliche Due Diligence Prüfung gemacht hat und ich habe mehr Vertrauen in das Unternehmen.

6. Was ist Deine Erfahrung bezüglich der Kommunikation von Seiten der Unternehmer nach dem Funding?

Teilweise habe ich sehr guten und regelmäßigen Kontakt zu den Gründern. Aber es gibt auch Start-Ups, die kommunizieren kaum mit den Investoren. Die brauchen teilweise viel zu lange um die Quartalsberichte auf die Plattform zu stellen. Und es scheint ein Trend zu sein, dass die die pünktlich liefern gute Zahlen haben, und die die sehr spät sind, eher wenige schöne Zahlen haben. Das finde ich eigentlich schade, denn offene Kommunikation mit den Investoren sollte eigentlich Top-Priorität haben.

7. Du siehst da also noch Potential in der Zusammenarbeit?

Auf jeden Fall. Allein schon fürs Marketing und fürs Netzwerk. Es kann ja auch möglich sein, dass die Investoren irgendwelche Beziehungen haben, die nützlich für das Start-Up sein könnten. Einige Firmen wissen das Potential, dass die mit der Crowd haben nicht zu nutzen. Aber es gibt auch positive Beispiele wie z.B. Protonet, die haben 2.000 Investoren und kommunizieren super. Das zeigt auch ihr Erfolg. Selbst in einer anschließenden Krise kann die Crowd helfen. Nicht nur mit Fresh-Money oder einer Brückenfinanzierung sondern auch bei der Kundenakquise.

8. Gehst Du einem regulärem Job nach?

Im Moment bin ich noch in Festanstellung, daneben arbeite ich aber noch in Bereich Crowdinvesting in 3 weiteren Funktionen:
1.) Gesellschafter bei aescuvest
2.) Kooperationspartner und Innovationsscout bei CONDA
3.) Berater für Unternehmen, die Finanzierungen über Crowdinvesting Plattformen suchen.

9. Wieviel investierst Du im Schnitt pro Jahr?

In den letzten Jahren habe ich im Durchschnitt ca. 10.000,--€ pro Jahr investiert.

10.Wie gehst Du mit Verlusten um?

Das sehe ich gelassen – Startup Investitionen bergen ein hohes Risiko und bei Crowdinvesting besteht immer ein Risiko für einen Totalausfall der investierten Summe. Man rechnet damit, dass ein relativ großer Teil der Startups im Laufe der Zeit Insolvenz anmelden wird – ich muss aber inzwischen sagen, dass mein Verlustanteil am gesamten Portfolio sich noch in einem überraschend kleinen Rahmen bewegt (im Moment noch unter 10%) Natürlich ärgert man sich, wenn man Verluste macht und versucht aus den Erfahrungen zu lernen, damit man eine bessere Entscheidung trifft, wenn man sich für eine neue Finanzanlage entscheidet.

11.Welche Strategie rätst Du anderen Investoren?

Risikominimierung durch Diversifikation.
Bei meinen Crowdinvestments investiere ich meist relativ kleine Beträge zwischen 250€ und 1.000€, um mir auf diese Weise ein breit gefächertes Portfolio aufzubauen mit Unternehmen aus Verschiedenen Branchen, unterschiedlichen Entwicklungsstadien und Regionen. Hierdurch sollen die Risiken auf viele verschiedene Projekte verteilt und somit verringert werden. Totalverluste einzelner Startups werden durch positive Performance anderer Projekte ausgeglichen.

Und nur Geld investieren, wenn man einen potentiellen Totalausfall auch verschmerzen kann.
Auf sein eigenes Bauchgefühl hören. Für mich ist der persönliche Eindruck, den ein Management / Gründer Team auf mich macht wesentlich wichtiger, als die schönsten Finanzpläne – denn bei Startups ist es extrem schwierig die Zukunft vorauszusagen. Viele Zahlen werden übertrieben positiv dargestellt, um den Wert eines Unternehmens in die Höhe zu treiben. Lieber eine realistischere Einschätzung der Finanzzahlen und dafür weniger Enttäuschungen in den Quartalsberichten!

Einfach mal versuchen.
Startup Investitionen machen extrem viel Spaß! Besonders, wenn man beobachten kann, wie „sein" Unternehmen wächst und Fortschritte macht, Leute einstellt, langsam Verluste reduziert und schließlich den Break-Even erreicht und auch Gewinne schreibt! Beim Crowdinvesting steht man im direkten Kontakt zum Gründer- bzw. Management Team eines Unternehmens. Das bekommt man bei keinem anderen Investment in dieser offenen, transparenten und direkten Art!

12.Welche Tipps kannst Du Finanzierungssuchenden geben?

Zunächst sollte ein ordentliches Pitch-Deck mit maximal 5 Seiten erstellt werden. Dabei ist darauf zu achten, dass es für den Investor interessant ist und nicht für einen Kunden. Es müssen kurz und überzeugend die Vorteile klar herausgearbeitet sein.

Berater können dabei wesentliche unterstützen. Sie geben z.B. Feedback, ob das Unternehmen mit seinem Geschäftsmodell für ein Crowdinvesting geeignet ist und welche Crowdinvesting Plattformen zu dem Unternehmen und den Zielen, die man mit der Kampagne verfolgt am besten passen. Wenn ein Unternehmen von einer Plattform angenommen wurde und die Unterlagen erstellt werden, gebe sie hier auch Feedback aus Investorensicht.

Einfach mal selbst in ein paar Projekte im Crowdinvesting investieren, um ein Gefühl dafür zu bekommen und zu sehen, welche Informationen ein Crowdinvestor allgemein braucht, bevor er seine Investment Entscheidung trifft! Wird leider auch nur selten getan, für mich ist das aber eine Grundvoraussetzung, um den Prozess einfach mal zu verstehen!

Mit Crowdfunding kann man nicht nur Kapital besorgen sondern über die Plattform lässt sich zielgerichtetes Marketing betreiben. Daraus können Geschäftskontakte, Anregungen und vor allem Interessen generiert werden.

13. Wo steht Crowdfunding Deiner Meinung nach heute in Deutschland und welchen Ausblick hast Du für die Zukunft?

Seit der Einführung des „Kleinanlegerschutzgesetzes" wird es immer mehr zum festen Bestandteil der Unternehmensfinanzierung. Nicht nur bei Start-Ups sondern auch in Form von Wachstumskapital. Allerdings werden die hervorragenden Marketingefekte immer noch zu wenig beachtet. Letztendlich wird Crowdfunding in der Start-Up-Szene meist nur ein Teil einer Co-Finanzierung mit Venture Capital und Businessangeln sein.

Vielen Dank für das Interview!

von Patrick Hincker