
Die Übernahme der norddeutschen Molkerei Rücker durch die bayerische Meggle-Gruppe im Jahr 2025 bedeutet weit mehr als nur eine strategische Expansion im Milchsektor. Sie zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich Familienunternehmen mit dem Thema Unternehmensnachfolge umgehen und welche Rolle dabei Stiftungsmodelle als mögliche Strukturformen spielen. Während Meggle sich bereits 2023 in eine Stiftung umgewandelt hat, bleibt bei Rücker die klassische Familiennachfolge aus: Das Unternehmen wird nach vier Generationen vollständig verkauft. In der Gegenüberstellung beider Unternehmen wird deutlich, welche Weichenstellungen hinter den Kulissen getroffen wurden und welche Lösungslogiken Familienunternehmen im deutschen Mittelstand heute wählen.

Die Rücker GmbH wurde bis zur Transaktion durch Klaus und Insa Rücker in vierter Generation geführt. Im Gegensatz zu vielen Unternehmen ihrer Größe und Geschichte hat sich die Familie Rücker nicht für ein stiftungsbasiertes Modell oder eine familieninterne Nachfolgeregelung entschieden, sondern aktiv nach einem Käufer gesucht, der in Werten, Kultur und Verantwortung kompatibel ist. Laut Unternehmensangaben wurde ein Käufer mit einem vergleichbaren Familienverständnis gesucht und mit Meggle gefunden.
Ob eine Stiftungslösung intern diskutiert wurde, ist öffentlich nicht bekannt. Die Entscheidung gegen ein solches Modell kann dennoch als bewusster familienstrategischer Schritt interpretiert werden: Rücker schließt den Familienkreis, überträgt das Unternehmen vollständig und gibt Verantwortung ab, in der Hoffnung, dass der Käufer die regionalen Standorte, Mitarbeitenden und Markenwerte dauerhaft bewahrt.
Meggle hingegen bereitete den Schritt zur Stiftung lange vor. Der Stifter Toni Meggle setzte bewusst auf ein Modell, das Unabhängigkeit, Standortbindung und langfristige Investitionslogik garantiert. Mit der Gründung der Toni-Meggle-Stiftung im Jahr 2023 wurde das Unternehmen institutionell verselbstständigt, nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern aus einer strategischen Vision heraus, die auf der Lebenserfahrung und dem Verantwortungsbewusstsein des Gründers basiert.
Die Stiftung ist nicht gemeinnützig, sondern privatnützig mit unternehmenssicherndem Charakter. Sie hält die Anteile an der Meggle-Gruppe und verfolgt laut Satzung explizit den Zweck, das Unternehmen „als Ganzes zu erhalten und seine Entwicklung zu sichern“. Dieser Schritt sichert nicht nur die Kontrolle gegenüber äußeren Einflüssen, sondern schafft auch die Möglichkeit, die Familiennachfolge durch professionelle Gremien und strategische Organe zu ersetzen, ohne die Kultur und Kontinuität zu gefährden.
Ob Stiftung oder Verkauf, beide Unternehmen verfolgen mit ihren jeweiligen Modellen ein zentrales Ziel: die langfristige Sicherung von Substanz, Werten und Verantwortung. Doch die gewählten Wege könnten unterschiedlicher kaum sein:

Die Kombination beider Modelle, Rücker als Übergabeobjekt, Meggle als stiftungsgeführter Käufer, ist im deutschen Mittelstand bislang selten öffentlich reflektiert worden, bietet aber enormen Erkenntnisgewinn: Stiftung und Verkauf sind keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Formen, wie Familienunternehmen mit Verantwortung umgehen.
Die Fallanalyse zeigt: Es gibt kein „richtiges“ Nachfolgemodell, sondern nur passende, strukturierte Antworten auf individuelle Konstellationen. Während Stiftungslösungen eine institutionelle Zukunft sichern, ist ein bewusster Verkauf an einen wertekompatiblen Käufer ebenso eine valide Option, insbesondere, wenn keine geeignete Nachfolgeperson vorhanden ist oder familiäre Einigkeit fehlt.
Die Meggle/Rücker-Transaktion ist in diesem Sinne ein Paradebeispiel für verantwortungsvolle Nachfolgegestaltung jenseits von Dogmen. Beide Familienunternehmen haben einen Weg gefunden, ihre Perspektive auf Eigentum, Unternehmertum und Zukunft auf eine strukturell wirksame Weise zu manifestieren, sei es in stiftungsrechtlicher oder transaktionaler Form.
Die Übergabe von Rücker an Meggle ist viel mehr als nur ein Geschäft im Milchmarkt. Sie ist ein Spiegel aktueller Nachfragestrukturen im Mittelstand: zwischen familiärer Bindung und strukturellem Wandel, zwischen emotionalem Loslassen und institutioneller Verantwortung. Wer den Fall aufmerksam liest, erkennt, dass Stiftungslösungen nicht nur in der Theorie relevant sind, sondern auch konkrete strategische Wirkungen entfalten, sei es als Käufer, Trägerform oder Alternative zum familiären Erbgang.